Das Lesen ist schön

Patriarchalische Rollenbilder Fifty Shades of Grey

„We aim to please, Miss Steele“

in Essays von

Ketten, Peitschen, Klebeband — das Inventar von Christian Greys ‚Red Room of Pain‘ klingt ganz nach der Einkaufsliste eines Schwerverbrechers. Doch das scheint kaum jemanden davon abzuhalten, Fifty Shades of Grey zu lesen. Der 2011 erschienene Roman der britischen Autorin E. L. James ist eines der am schnellsten verkauften Bücher aller Zeiten.

Die unwahrscheinliche Geschichte vom attraktiven Billionär Christian Grey, der die unschuldige, naive Anastasia Steele in seinen BDSM-Lebensstil einführt, zog Millionen Leser*innen an. Auch die Fortsetzungen der Trilogie, Fifty Shades Darker und Fifty Shades Freed waren Verkaufsschlager.

Nebst begeisterten Leser*innen haben sich auch Literaturkritiker*innen regelrecht auf Fifty Shades of Grey gestürzt, vor allem jene, die sich mit Feminismus beschäftigen. Von diesen gibt es zwei Lager: Die ‚Anti-Sex‘-Kritiker/innen betrachten den Roman als sexistisch und entwürdigend, während das ‚Pro-Sex‘-Lager in Anastasia eine starke Frau sieht — ganz nach dem Motto „jeder Orgasmus ist ein feministischer Triumph“ (1).

Mir als Feministin hat der Roman gefallen.

Natürlich gibt es Argumente für beide Seiten, doch die strikte Einordnung in Gut und Böse ist wenig hilfreich. Denn Fifty Shades of Grey strotzt nur so von Widersprüchen und krassen Gegensätzen. Mir als Feministin hat der Roman gefallen; oder zumindest fand ich ihn unterhaltsam. In Anbetracht dessen würde ich gerne das zweite Lager unterstützen und Anastasia als grosse feministische Heldin feiern. Doch dafür gibt es zu viele Indizien, die zeigen, dass sich hinter dem ganzen Sex so einiges an patriarchalischen Rollenbildern verbirgt.

„I don’t make love. I fuck — hard.“

Schon früh im Roman zeigt sich, dass Christian ein patriarchalisches Rollenbild vertritt. Er kommandiert seine (meist weiblichen) Angestellten herum, wie selbstverständlich und ohne sich mit einem Wort bei ihnen zu bedanken. Er kontrolliert, wen Ana trifft, was sie wo tut und wie sie es tut, und schenkt ihr ein teures Blackberry, um sie dank Ortungsfunktion noch besser kontrollieren zu können. In der ersten Sex-Szene kommt Christians striktes Rollenbild der männlichen Dominanz besonders zum Vorschein:

Christian will keinen ‚Vanilla Sex‘, wie er normalen Sex in einem normalen Bett nennt. Ihm käme wäre es ihm in den Sinn gekommen, ’normal‘ mit einer Frau zu schlafen, so wie es verliebte (aber auch nicht verliebte) Paare tun. «I don’t make love. I fuck — hard», lautet Christians Antwort auf Anas Frage, ob er mit ihr schlafen werde. Denn mit jemandem zu schlafen, das kommt für Christian eigentlich nicht in Frage. Für ihn gibt es nur Sex — harten Sex zur körperlichen Befriedigung und ohne Emotionen. Doch ich schreibe eigentlich, denn für die unerfahrene Anastasia macht der Sex-Gott Christian eine Ausnahme …

Als Christian erfährt, dass Anastasia noch nie Sex gehabt hat und sich auch noch nie selbst befriedigt hat (was mir für eine 21-Jährige sehr unwahrscheinlich scheint, aber über die Glaubwürdigkeit der Geschichte will ich an dieser Stelle nicht zu viele Worte verlieren), ist er erstmal ganz schön schockiert. Also löst er dieses Problem, er selbst nennt es ‚Situation‘, indem er Ana einfach direkt entjungfert — gnädigerweise im ‚Vanilla Style‘, also durch ganz normalen Sex, bevor er mit Ketten und Peitschen auffährt. Die beiden kennen sich zu diesem Zeitpunkt übrigens noch kaum.

Bestimmt ist es Christian nicht leichtgefallen, über seinen Schatten zu springen und tatsächlich mit Ana zu schlafen, anstatt sie wie für ihn üblich einfach hart zu *ficken* (der Arme …). Hat er also ein Opfer für sie gebracht? Es mag auf den ersten Blick so aussehen, doch sein Beweggrund war ganz bestimmt nicht Anas Wunsch nach liebevollem Vanilla Sex.

Christian handelt aus eigenem Interesse.

Vielmehr handelt Christian aus eigenem Interesse: Er hat ein schlechtes Gewissen dabei, eine unberührte Jungfrau direkt in seinen BDSM-Playroom mitzunehmen und glaubt, er müsse sie zuerst schonend an die Sex-Sache heranführen, damit er sie danach ungeniert schlagen, fesseln und eben *ficken* kann. Letztlich impliziert Anas Jungfräulichkeit auch, dass Christian sie nun formen kann, wie er will. (2)

Gefährliche Doppelmoral

Während des ganzen ersten Buches verhandeln Anastasia und Christian über den Vertrag, der ihr ‚Arrangement‘ regeln soll. Verhandeln — das klingt nach Gleichberechtigung und Mitbestimmung. Doch tatsächlich hat Christian bereits alles festgelegt, und sie kann lediglich einige Kompromisse herausschlagen — zum Beispiel, dass sie nur sieben statt acht Stunden schlafen muss, dass sie nicht nur Essen von einer vorgeschlagenen Liste essen muss, und dass sie nur dreimal wöchentlich trainieren muss. Doch diese ‚Errungenschaften‘ sind in Wahrheit nur klägliche Scherben von Anas Selbstbestimmung, die eigentlich seit Beginn der Beziehung komplett untergraben sind.

Zum Vergleich: Laut Vertrag darf Christian ihr vorschreiben, was sie isst, was sie trägt, wie sie sich verhält, wie sie Sex hat, wann sie ihn sehen kann, wann sie trainiert, wie viel sie schläft, und sie muss ihm gehorchen. „Mr. Control Freak“, wie Ana ihn selbst nennt, kontrolliert und bestimmt also praktisch alle Aspekte ihres Lebens, und diejenigen, die er nicht vertraglich regeln kann, kontrolliert er auf andere Weise, zum Beispiel, indem er ihr Handy ortet und sie regelrecht stalkt.

Ana darf und kann gar nichts kontrollieren.

Ana hingegen darf und kann gar nichts kontrollieren. Als einzigen Kompromiss, den Christian einzugehen bereit ist, bekommt Ana einmal in der Woche „mehr“, das heisst, dass Christian sich für ein paar Stunden so verhält, wie es der normale Freund, den Ana sich eigentlich wünscht, tun würde. Einmal pro Woche — ausnahmsweise.

Srdadov (3) verbindet diese scheinbar gleichberechtigten Verhandlungen damit, dass Frauen aktiv über ihre Rolle im Patriarchat verhandeln. Denn Anastasia steht in dieser Verhandlungssituation für alle Frauen in einer noch nicht wirklich gleichberechtigten Gesellschaft:

Geschichtlich bedingt sind die Rahmenbedingungen und alle Grundregeln der Gesellschaft von Männern definiert und auf Männer ausgerichtet — genau wie der Vertrag zwischen Ana und Christian. Wir Frauen müssen für jede noch so kleine Errungenschaft kämpfen. Und auch bei unseren Männern mangelt es teilweise an Kompromissbereitschaft.

Erotisch dominant, oder dominant erotisch?

Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, dass Fifty Shades of Grey patriarchalische, frauenfeindliche Werte zementiert, der oder die schaue sich folgenden Satz an: „We aim to please, Miss Steele“. Die Aussage stammt ursprünglich von Christian, doch Ana übernimmt ihn als eine Art Motto für sich selbst — genau darauf hatte Christian wohl auch gehofft.

In einigen der Sexszenen kommt hervor, dass Ana es geniesst, wenn Christian zufrieden, beziehungsweise befriedigt ist. She aims to please. Dabei rückt sie ihre eigenen Bedürfnisse unbemerkt in den Hintergrund. Wie sie selbst sagt, besitzt sie den «submissive bone» nicht, und auch Downing betont, Anastasia sei eben keine Sub. Doch sie versucht es zu sein — für Christian, und um ihn zufriedenzustellen.

Laut Downing (2) finden sich Frauen mit Gewalt und Unterdrückung von Männern ab, indem sie männliche Dominanz erotisieren. So redet sich Ana auch ein, dass es sie gewissermassen anmacht, wenn Christian sie schlägt, bis zu dem Tag, an dem er sie richtig schlägt. Erst nach sieben gnadenlosen Peitschenhieben mit einem Ledergürtel spürt Ana nichts mehr Erotisches dabei und fühlt sich regelrecht abgestossen von Christian. Sie will ihn nicht mehr berühren, ihn nicht mehr ansehen und nicht mehr mit ihm reden. Und endlich will sie nur noch weg …

Die Geschichte in Fifty Shades of Grey ist simpel.

Im Grunde ist die Geschichte in Fifty Shades of Grey simpel — so simpel wie die in jedem Rosamunde Pilcher Film: Eine Frau verliebt sich in einen Mann, doch es gibt ein Problem. Das Problem kann variieren (der Mann ist ein Vampir, der Mann ist verheiratet, der Mann steht auf BDSM, der Mann wohnt in einem anderen Land, der Mann gefällt ihrem Vater nicht, etc.), doch im Grunde bleibt die Geschichte immer dieselbe.

Trotzdem sind natürlich nicht alle Romanzen langweilig, und gerade Fifty Shades of Grey so gar nicht — im Gegenteil, ich fand den Roman unterhaltsam. Das «Problem» ist für einmal ein ganz anderes, ein unbekanntes; etwas, das man nicht kennt. Für jene, die einfach gute Unterhaltung wünschen, ist er denn auch durchaus zu empfehlen, jedoch aufgrund der problematischen Repräsentation von Frauen mit Vorsicht zu geniessen.


Literatur (eigene Übersetzungen):
  1. «Smash» 2016, zitiert in Downing (2).
  2. Downing, Lisa. 2013. «Safewording! Kinkphobia and gender normativity in Fifty Shades of Grey». Psychology & Sexuality 4:1, S. 92-102. http://dx.doi.org/10.1080/19419899.2012.740067.
  3. Srdarov, Suzanne & Bourgault du Coudray, Chantal. 2016. «Still reading the romance: gothic sexuality and the remembrance of feminism through Twilight and Fifty Shades of Grey.» Continuum 30:3, S. 347-354. http://dx.doi.org/10.1080/10304312.2016.1166562.

Weekly Newsletter

Unser Newsletter erscheint einmal wöchentlich und informiert dich über alle neuen Beiträge auf The Zurich Review. Abonniere ihn jetzt, um nie mehr etwas zu verpassen!



Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Aktuelle Essays

Nach oben