Das Lesen ist schön

Nina Is Not Ok

Nina Is Not Ok – wirklich nicht

in Essays von

Slut Shaming und Victim Blaming – diese Begriffe hat in unserer Gesellschaft wohl Jede*r schon gehört. Doch was sie bedeuten, ist nicht allen klar. Am einfachsten lassen sich die Begriffe an konkreten Beispielen erklären; und Shappi Khorsandis Roman Nina Is Not Ok enthält viele davon. Wenn man den Klappentext liest, bekommt man den Eindruck, dass es vor allem um Eines geht, und zwar nicht um das Eine, sondern um Alkohol. „Nina doesn’t have a drinking problem“, steht da. Hat sie doch, aber darum geht es wirklich nicht. Es geht auch nicht um Ninas wilde Nächte oder um ihren Sex mit Männern, die ihr Vater sein könnten.

Vielmehr geht es in Nina Is Not Ok um ein junges Mädchen mit einem Selbstbewusstsein gleich Null. Nina sagt über sich selbst:

So I’m the average-looking slapper, good for a quick blow job …

Nina Is Not Ok, S. 161

Es geht um ein Mädchen, das vergewaltigt und öffentlich blossgestellt wird. Der wahre Kern des Romans sind die Kommentare, die Nina auf den sozialen Netzwerken erhält, nachdem die Freundin ihres Vergewaltigers Alex ein Foto dieser verhängnisvollen Nacht auf Facebook gepostet hatte. Darauf ist die betrunkene Nina in einer Bar zu sehen – den Penis von Alex im Mund.

Einige der Kommentare unter dem Bild:

‚Whoa! That’s a worst blow job ever! She needs lessons!‘

‚You’re such a slag!‘

Nina Is Not Ok, S. 236

Ein klassisches Beispiel von Slut-Shaming: Ninas öffentlicher sexueller Akt stimmt nicht mit den patriarchalischen Erwartungen an Frauen überein – sie verhält sich ‚wie eine Schlampe‘, nicht wie ein anständiges Mädchen. Das Problem an der Sache ist die Doppelmoral, die sich hinter diesen Erwartungen versteckt. Bei Männern wird dasselbe Verhalten gefeiert und gilt als cool. Ein Mann, der zwei Frauen im Arm hat und sie abwechslungsweise küsst oder anfasst, ist ein ‚Held‘. Eine Frau, die dasselbe mit zwei Männern tut, ist eine ‚Schlampe‘.

Aus solchen Überlegungen folgt Victim Blaming: die Ansicht, dass eine Frau, die sich ’schlamping‘ verhält oder anzieht, selbst schuld ist, wenn sie vergewaltigt wird. Der arme Mann konnte sich einfach nicht zurückhalten. Immer häufiger wird bei Vergewaltigungen das Opfer beschuldigt. In unserer Gesellschaft gibt es sogenannte ‚Rape Myths‘. Nina Is Not Ok ist ein realistisches Beispiel, wie solche Rape Myths zu Victim Blaming führen.

„Rape Myths sind in einer Gesellschaft weit verbreitete Vorstellungen davon, wie eine Vergewaltigung aussieht. Diese Vorstellungen beeinflussen die Entscheidung der Betrachter*innen, ob es sich überhaupt um eine Vergewaltigung handelt und wer die Schuld dafür trägt. Somit bestimmen Rape Myths, ob und in welchem Ausmass das Opfer beschuldigt bzw. der Täter freigesprochen wird.“

Bohner et al., Temkin & Krahé, Ward, Gerger, Kley, Bohner & Siebler, zitiert in (1).

Wie hat eine Vergewaltigung auszusehen?

Als Gesellschaft haben wir klare Vorstellungen davon, wie eine ‚echte‘ Vergewaltigung auszusehen hat. Wenn eine Frau nachts alleine auf einem dunklen Parkplatz ihr Auto sucht, dort von einem ihr unbekannten Mann gewaltsam in sein Auto gezerrt und dort gefesselt und vergewaltigt wird, dann ist das Vergewaltigung – daran besteht kein Zweifel. Das Opfer hat nichts falsch gemacht, die Frau war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Aber was ist, wenn eine Frau (Nina) aus einem Club geworfen wird, weil sie einem Mann (Alex) in der Öffentlichkeit einen Blowjob gibt, und der Mann ihr nach draussen folgt und sie von hinten *vögelt*, während sie – praktisch bewusstlos – an einer Wand lehnt und er sie an den Armen hochhalten muss, weil sie sonst zusammenklappen würde … Ist das Vergewaltigung? Oder ist es keine Vergewaltigung, weil sie ihm davor einen geblasen hat; weil sie sich ’nuttig‘ verhalten hat?

Bei dieser Frage kommen die Rape Myths ins Spiel. Hier eine Liste der gängigsten Bestandteile dieser Mythen (1), die sich wohlgemerkt alle auf die Frau (das Opfer) beziehen:

Gängige Rape Myths
  • Rauschzustand durch Alkohol und andere Substanzen (1)
  • provokative Kleidung (1)
  • Attraktivität (1)
  • schlechtes Ansehen/Ruf (1)
  • tiefer beruflicher Status (1)
  • Frau fragt nach einem Date (2)
  • Mann bezahlt beim Date (2)
  • Frau willigt ein, mit dem Mann nach Hause zu gehen (2)

Der eigentliche Mythos ist, dass Frauen, auf die einige dieser Merkmale zutreffen, die Vergewaltigung ‚verdienen‘ und den Täter somit keine Schuld trifft. Nina wird vor allem wegen ihres schlampigen Rufs und ihrem übertriebenen Alkoholkonsum für die Vergewaltigung durch Alex verantwortlich gemacht:

„Die sexuelle Vergangenheit einer Frau scheint für viele ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung der Frage, ob sie dem Sex zugestimmt hat oder nicht. (…) Bei einer Frau mit einem schlechten Ruf glaubt der/die Betrachter*in eher, dass sie eingewilligt hat.“

Schuller & Klippenstine, zitiert in (2).

Nina hat den Ruf einer ‚Schlampe‘, die sich jede Nacht volllaufen lässt und dann wild in der Gegend *herumvögelt*. Deshalb wird ihr die Schuld an der Vergewaltigung durch Alex zugewiesen oder die Vergewaltigung wird gar gänzlich geleugnet. Denn wer Ninas Ruf kennt, geht davon aus, dass sie eingewilligt hat, da sie ja sowieso immer wieder wahllos mit wildfremden Typen schläft.

Es kommt noch schlimmer: Das Opfer beschuldigt sich selbst.

Gesellschaftlich akzeptierte Rape Myths beeinflussen nicht nur die Meinung der Betrachter*innen, sondern – wenn nicht zuallererst – auch das Opfer selbst. Nina verneint selber immer wieder, dass Alex sie vergewaltigt habe, selbst nachdem sie ein Video der Tat gesehen hat, und stellt sich viele Fragen:

Is it rape if I was so drunk that I couldn’t be totally clear about not wanting to have sex in the alleyway with a stranger? Is it rape if you later invite him to your eighteenth birthday party? Is it rape if you can’t be a hundred per cent sure you hadn’t bent over and said, ‚Fuck me, fuck me now,‘ like a total whore because it’s all a blank to you?

Nina Is Not Ok, S. 242

Nina ist hin- und hergerissen. Sie will sich nicht eingestehen, dass sie vergewaltigt wurde, doch tief in ihrem Inneren weiss sie es:

I’m not an idiot; I know that boys who fuck girls when they are unconscious are rapists. I know that.

Nina Is Not Ok, S. 242

Boyle und McKinzie bestätigen, dass Opfer von Vergewaltigungen sich oft selbst die Schuld zuweisen und das Verhalten des Täters als harmlos abtun, besonders dann, wenn sie den Täter kennen:

„Wenn Frauen von ihren Partnern oder von Bekannten angegriffen werden, machen sie den Täter oft nicht für seine Tat verantwortlich, verharmlosen den angerichteten Schaden und beschuldigen sich selbst.“

Boyle & McKinzie, zitiert in (3).

Nina hat Alex zwar erst am Abend der Tat kennengelernt, doch davor wurde sie bereits intim mit ihm. Wir können Alex also als einen Bekannten betrachten, besonders auch weil dieser später mit Ninas Freundin Zoe zusammenkommt. Deshalb lädt Nina ihn auch zu ihrem 18. Geburtstag ein.

Seine Beziehung zu Ninas Freundin Zoe ist ein weiterer Grund, dass Nina sich nicht eingestehen will, dass er sie wirklich vergewaltigt hat. Zoe ist hoffnungslos verknallt in ihren perfekten Alex und redet nur noch von ihm. Nina möchte ihrem Glück nicht im Weg stehen. Ihr eigenes Wohlergehen geht dabei leider vergessen.


Literatur (eigene Übersetzungen):
  1. Van der Bruggen, Madeleine & Amy Grubb. 2014. „A review of the literature relating to rape victim blaming: An analysis of the impact of observer and victim characteristics on attribution of blame in rape cases“. Aggression & Violent Behavior 19, S. 523-531. http://dx.doi.org.ezproxy.uzh.ch/10.1016/j.avb.2014.07.008.
  2. Cohn, Ellen S., Erin C. Dupuis & Tiffany M. Brown. 2009. „In the Eye of the Beholder: Do Behavior and Character Affect Victim and Perpetrator Responsibility for Acquaintance Rape?“. Journal of Applied Social Psychology 39:7, S. 1513-1535. http://onlinelibrary.wiley.com.ezproxy.uzh.ch/doi/10.1111/j.1559-1816.2009.00493.x/full.
  3. Boyle, Kaitlin & Lisa Slattery Walker. 2016. „The Neutralization and Denial of Sexual Violence in College Party Subcultures“. Deviant Behavior 37:12, S. 1392-1410. http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01639625.2016.1185862.

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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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