Rezension: In Order to Live

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Ich mag starke Frauen – starke Frauen mit einem Ziel im Leben. Eine solche Frau ist Yeonmi Park, die Autorin des autobiographischen Werks In Order to Live: A North Korean Girl’s Journey to Freedom. In Nordkorea erlebte Yeonmi, wie es ist, nichts zu essen zu haben. Sie lebte in einem Haus, in dem es manchmal Strom gab und manchmal (oder meistens) nicht. Ihr Vater wurde verhaftet und ist im Gefängnis fast gestorben. Auf ihrer langen Suche nach Freiheit musste Yeonmi dabei zusehen, wie ihre eigene Mutter vergewaltigt wurde. Sie und ihre Mutter wurden an Menschenhändler verkauft; und plötzlich war Yeonmis Schwester verschollen.

Wer nun meint, so etwas könne doch in der heutigen Zeit gar nicht mehr passieren, der liegt falsch. Yeonmi ist gerade einmal 23 Jahre alt; sie ist genau einen Monat vor mir geboren. Dies alles geschah im 21. Jahrhundert.

Die Situation in Nordkorea

Geschichte war in der Schule nie mein Lieblingsfach, ganz im Gegenteil. Ich konnte mit den Essgewohnheiten der Römer, den verschiedenen Säulen der Griechen und alldem nichts anfangen.

Doch um Yeonmis Geschichte zu verstehen, muss man den geschichtlichen Hintergrund von Nordkorea kennen. Daher hier ein Überblick, ganz kurz und schmerzlos:

Korea wurde im Jahr 1945, am Ende des zweiten Weltkriegs, in Nord- und Südkorea unterteilt. Die Sowietunion (USSR) übernahm die Kontrolle über den Norden, während im Süden fortan die USA regierten. 1948 wurden dann offiziell zwei separate Staaten gegründet und in Nordkorea wurde die „Democratic People’s Republic of Korea“ ausgerufen, unter der Führung von Kim Il-sung.

Kim Il-sung isolierte Nordkorea komplett von der internationalen Gemeinschaft. Seine Regierung und seine wirtschaftlichen Aktivitäten waren streng geheim. Auch sein Sohn Kim Jong-Il führte diese Abschottungspolitik weiter. Seither leidet das Land unter Hungersnöten und teilweise völlig rückständigen Lebensbedingungen.

Yeonmis langer Weg in die Freiheit

Yeonmi Park wächst mit ihren Eltern und ihrer Schwester Eunmi in Hyesan auf, einer kleinen Stadt an der Grenze zu China. In Hyesan trennt nur der schmale Yalu Fluss die beiden Länder. Der Fluss ist so schmal, dass Yeonmi manchmal den Duft der chinesischen Nudeln riechen kann, die auf der anderen Seite gekocht werden. Sie kann sogar mit den chinesischen Kindern sprechen:

„Hey you! Are you hungry over there?“ the boys shouted in Korean.

„No! Shut up, you fat Chinese!“ I shouted back.

In Order to Live

Die Region um Hyesan ist eine der kältesten in ganz Nordkorea; im Winter sinken die Temperaturen bis zu -40° Celsius. In dem kleinen Haus, in dem Yeonmi aufwächst, gibt es nichts ausser einer kleinen Feuerstelle. Es gibt zwar ein Heizsystem, doch das ist dem kalten Winter nicht gewachsen und meistens gibt es keinen elektrischen Strom. Das Erste, woran sich Yeonmi erinnert, ist die Dunkelheit und die Kälte im Haus:

My first memories are of the dark and the cold. During the winter months, the most popular place in our house was a small fireplace that burned wood or coal or whatever we could find.

In Order to Live

Während Yeonmis früher Kindheit bricht in Nordkorea eine Hungersnot aus. Yeonmis Eltern können oft nicht schlafen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre beiden Kinder und sich selbst ernähren sollen. Yeonmi erinnert sich an den Hunger:

In the free world, children dream about what they want to be when they grow up and how they can use their talents. When I was four and five years old, my only adult ambition was to buy as much bread as I liked and eat all of it.

In Order to Live

Yeonmis Vater beginnt, auf dem Schwarzmarkt zu handeln, um seine Familie über Wasser zu halten. So kämpft Yeonmi und ihre Familie einige Jahre lang ums Überleben, bis ihr Vater verhaftet wird wegen seinem illegalen Handeln. Er wird in ein Arbeitsgefängnis geschickt, aus dem die Gefangenen nur selten lebend wieder herauskommen.

Als Yeonmi 13 Jahre alt ist überredet sie ihre Mutter, mit Eunmi und ihr über den Fluss nach China zu flüchten. Niemand von ihnen wusste, was in China auf sie zukommen würde. Doch sie erfahren es schnell genug: sie werden verkauft:

„If you want to stay in China, you have to be sold and get married,“ she told us.

We were stunned. What did she mean, „sold“? I could not imagine how one human could sell another.

In Order to Live

Im Netz der Menschenhändler in China verliert Yeonmi zuerst ihre Schwester Eunmi und dann auch ihre Mutter aus den Augen. Sie selbst fällt in die Hände eines Händlers, der sie bei sich behalten will. Ihr Kampf um Freiheit geht weiter; Yeonmi gibt nicht auf …

Eine grosse Inspiration

Yeonmi erzählt bereits im Vorwort, dass ihr die Flucht nach Südkorea gelungen ist. Doch ihre Geschichte ist trotzdem spannend zu lesen. Als sie in jener Nacht die Grenze zu China überquerte, wusste die damals 13-jährige Yeonmi nicht wirklich, was sie tat. Sie wusste nur, dass sie und ihre Familie wahrscheinlich sterben würden, wenn sie in Nordkorea bleiben:

I wasn’t dreaming of freedom when I escaped from North Korea. I didn’t even know what it meant to be free. All I knew was that if my family stayed behind, we would probably die – from starvation, from disease, from the inhuman conditions of a prison labor camp.

In Order to Live

Erst einige Jahre später begann Yeonmi, die Situation in Nordkorea überhaupt zu verstehen. George Orwells Animal Farm öffnete ihr die Augen:

I saw my family in the animals – my grandmother, mother, father, and me, too: I was like one of the „new pigs“ with no ideas. Reducing the horror of North Korea into a simple allegory erased its power over me. It helped me set free.

In Order to Live

Yeonmis Geschichte hat mich sehr berührt. Dieses kleine, zerbrechliche Mädchen hatte einen unglaublich starken Willen. Sie hat schreckliche Dinge erlebt, und trotzdem ist ihr Buch positiv und hoffnungsvoll – von Selbstmitleid keine Spur. In einer Zeit, in der Tausende von Flüchtlingen in die Hände von Schmugglern geraten, im offenen Meer ertrinken oder monatelang in prekären Verhältnissen campieren, ist Yeonmis Geschichte kein Einzelfall. Sie öffnete mir die Augen.


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Nora Webster ist im September 2015 bei Penguin Books erschienen. Die deutsche Übersetzung „Mut zur Freiheit“ folgte wenig später im Goldmann Verlag.

Erscheinungsdatum: 29.9.2015, 288 Seiten

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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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