Das Lesen ist schön

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Sex ist keine Nebensache – auch nicht in der Bildung!

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„Die schönste Nebensache der Welt“ – so beschreiben wir Sex immer wieder. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn Sex ist allgegenwärtig: Er ist im Fernsehen, in der Werbung, in den Köpfen aller Teenager (und wahrscheinlich auch aller Erwachsenen), auf Whatsapp und auf Skype. Sex ist unübersehbar, nicht zu ignorieren. Er definiert die Hierarchien und Werte unserer Gesellschaft.

Also ist auch der gute alte Sexualkundeunterricht von zentraler Bedeutung, selbst wenn sich das nicht besonders sexy anhört und vermutlich schlimme Erinnerungen aus der Schulzeit hervorruft … Dieser Meinung ist auch die Londoner Youtuberin Hannah Witton. Seit mehreren Jahren macht sie deshalb „Sex-Ed-Videos“ auf ihrem Youtube-Kanal und hat kürzlich ihr erstes Buch zum Thema veröffentlicht– mit dem pikanten Titel Doing It! Let’s Talk About Sex.

Einige Leute haben mich belächelt, als sie mich mit diesem Buch in der Hand angetroffen haben. „Wozu liest du denn sowas“, fragten sie. Es war sicher nett gemeint. Vielleicht machten sie sich Sorgen um mein Sex-Leben, da ich mit dem Buch wohl aussah, als bräuchte ich Nachhilfe. Doch ich habe es nicht gelesen, um mich selbst zu „bilden“ (was nicht heisst, dass ich nichts dazugelernt habe …), sondern aus der Überzeugung, dass Hannah Witton da ein sehr wichtiges Buch geschrieben hat.

„Sex and Relationship Education“, wie Witton es nennt, kurz Sex-Ed, ist in einer Gesellschaft, die wirklich Gleichstellung anstrebt, fundamental. Wir müssen unserer Jugend die gesellschaftliche Bedeutung der Sexualität näherbringen, denn sie umfasst viel mehr, als nur nicht (ungewollt) schwanger zu werden und sich nicht mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren. Oder, wie Hannah Witton meint:

In school we’re taught about the reproductive system, all the internal stuff like the uterus and fallopian tubes and testicles and sperm and eggs, because that’s how we make babies and that’s science. But anything to do with pleasure is conveniently left out.

Doing It!

Die Macht der Medien

In der Schule wird nur der biologische Teil der Sexualität vermittelt. Wir lernen, wie ein Kind entsteht und wie man eines verhindert, wie Geschlechtskrankheiten übertragen werden und wie man dies verhindert, und so weiter. Aber wir lernen nichts über gesellschaftliche Haltungen gegenüber der Sexualität und erst recht nichts über Beziehungen.

Also lernen wir diese Dinge anderswo: im besseren Fall von Freund*innen und Verwandten, im schlechteren Fall im Fernsehen, in Werbung, Bildern, Filmen und auf Instagram. So lernen wir Frauen von klein auf, dass wir einen Mann an unserer Seite brauchen. Wir hören von „dem einen“ und lesen in Magazinen, wie wir ihn finden und wie wichtig es ist, dass wir ihn finden. Denn ohne ihn sind wir „nicht komplett“. Doch Hannah Witton macht klar: Das ist eine glatte Lüge.

You are not a half-person waiting for your ‚other half‘ to come along and ‚complete you‘. You are whole and you are complete, just you.

Doing It!

Auch im Bereich von Schönheitsidealen und Körpergefühl hängt alles von den Medien ab. In unserer digitalen und sehr visuellen Welt wird uns tagtäglich vor Augen geführt, was „schön“ ist und was nicht. Wir lernen unterbewusst, was in unserer Gesellschaft als schön betrachtet wird und lernen damit auch, mit uns selbst nie zufrieden zu sein. Es ist ein ständiger Kampf, den Idealen zu entsprechen.

Doch wofür eigentlich? Wen wollen wir damit zufriedenstellen? Wenn wir Frauen ehrlich zu uns selbst sind, werden wir zugeben müssen, dass es uns dabei meistens darum geht, den Männern dieser Welt (oder einem ganz bestimmten) zu gefallen. Aber ist es nicht viel wichtiger, was uns selbst gefällt? Schliesslich ist es mein Körper und mein Leben …

We are told what is beautiful and made to assume that everything that doesn’t fit these ideals is not beautiful.

Doing It!

Pleasure, pleasure, pleasure

Unsere Schülerinnen und Schüler lernen also nicht genug über Beziehungen und Schönheitsideale in der Gesellschaft. Sie lernen nicht, wie eine gesunde Beziehung aussieht und sie lernen auch nicht, die Werte und Normen der Gesellschaft zu hinterfragen.

Noch etwas, was sie nicht lernen, ist, wie wichtig Genuss und Vergnügen beim Sex sind. Man bringt uns bei, dass durch Sex Kinder gezeugt und Geschlechtskrankheiten übertragen werden können. Sprich: Sex ist diese gefährliche Sache, die viele Risiken mit sich bringt und deshalb besser gänzlich vermieden werden sollte, ausser man möchte ein Kind.

Doch Sex ist toll. Er soll Spass machen (und zwar allen Involvierten!) und sich gut anfühlen. Aber hat dir das je jemand gesagt?

Wahrscheinlich nicht. Obwohl dies eine der wichtigsten Informationen überhaupt ist, die Jugendliche brauchen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können und sich selbst zu schützen. Jeder Mensch, und vor allem jeder junge Mensch, muss wissen, dass Sex sich gut anfühlen soll. Wenn er sich nicht gut anfühlt oder man sich selbst dabei nicht wohl fühlt, dann ist etwas falsch.

Egal, ob man besonders viel, besonders wenig oder besonders harten Sex hat – das alles ist okay, solange alle involvierten Personen ihr Einverständnis gegeben haben und keine Gesetze gebrochen werden. Wie Hannah Witton schreibt, gibt es kein „richtiges“ oder „falsches“ Sex-Leben. Es gibt nur das, was für dich selbst stimmt. Das müssen wir unseren Kindern beibringen. Genau das:

There’s no hierarchy in sex – who’s doing it right, enough, with the right people. But no one is in a position to pass judgement on anyone’s sexual preferences, sexual behaviour, the way they dress, how they look, etc. It’s really none of your business.

Doing It!

Consent, consent, consent

Ein zweites, unglaublich wichtiges Element ist das Einverständnis (‚consent‘). Witton findet in diesem Bereich sehr klare Worte:

Sex where there is a lack of consent is not sex. It’s sexual abuse or rape.

Doing It!

 Und auch hier frage ich: Hat dir das schon einmal jemand gesagt? Klar, man könnte sich auf gesunden Menschenverstand und auf allgemeine Ethik berufen. Selbstverständlich soll man niemanden zu sexuellen Handlungen zwingen, die der- oder diejenige nicht machen oder mit sich machen lassen möchte. Doch ganz so einfach ist es nicht …

So kann ich zum Beispiel mein Einverständnis für einen bestimmten Akt mit einer bestimmten Person geben, jedoch nicht mit einer anderen Person. Ich kann einem Akt einmal zustimmen, und ein anderes Mal nicht. Ebenso kann ich mein Einverständnis zurückziehen, sobald ich mich mit einer Handlung oder einer Person unwohl fühle. Ohne Begründung und ohne Vorwarnung, denn es ist nach wie vor mein Körper und mein Leben. Jeder Mensch hat ein Recht auf seine eigenen Grenzen und die heisst es zu respektieren.

Du musst nichts tun, was du nicht tun willst. Nein heisst nein. Dieses Wissen ist von grundlegender Bedeutung, wenn es um den Schutz unserer Kinder und Jugendlichen geht. Nur wenn ihnen dies klar ist, können sie ein wirklich selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben führen.


Neugierig auf Hannah Witton?

In diesem Video stellt sie ihr eigenes Buch vor und verrät einige Geheimnisse darüber …


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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