Das Lesen ist schön

Gruppe von Maedchen

Rezension: The Girls

in Rezensionen von

Emma Clines Debüt ist alles andere als ein gewöhnlicher Roman. Mit The Girls hat die 1989 geborene Amerikanerin eine tiefe Charakterstudie verfasst, und eine moderne noch dazu. Die Geschichte der 14-jährigen Evie, die sich im Sog eines fragwürdigen Kults verliert, weckt in ihren Leser*innen eine grosse Frage, wenn nicht die grösste Frage in der Literatur überhaupt:

Hätte ich selbst in Evies Haut stecken können?

Ein Sommer voller Möglichkeiten

Die Ich-Erzählerin ist Evie selbst, allerdings nicht die 14-jährige, sondern die erwachsene Evie. Als ältere Frau schaut sie also auf den Sommer von 1969 zurück – auf ihren Sommer voller Möglichkeiten.

Wir lernen die junge Evie als unauffälliges Mädchen kennen, das im kommenden Schuljahr auf ein Internat geschickt werden soll. Sie lebt alleine mit ihrer Mutter und verbringt viel Zeit mit ihrer Freundin Connie. Evie selbst sagt von sich:

I was an average girl, and that was the biggest disappointment of all  – there was no shine of greatness on me.

Als Leser*in blickt man hinein in ihr Teenager-Dasein. In Evies Leben passiert abgesehen von gelegentlichen Streitigkeiten mit der Mutter und kleinen Schwärmereien für Jungs kaum etwas. Doch das ändert sich mit einem Schlag, als Evie eine Gruppe von Mädchen  beim „Containern“ beobachtet. Eine von ihnen ist die einige Jahre ältere Suzanne. Evie muss kein zweites Mal hinschauen; sie verfällt sofort in ihren Bann …

Mit ihrer Faszination für Suzanne landet Evie auch in dem fragwürdigen Kult, dem sie angehört. Der Kult besteht aus zahlreichen Mädchen und jungen Frauen, die ihrem Führer Russel folgen und allesamt eine sexuelle Beziehung zu ihm haben. Russel verspricht seinen „Girls“ die Welt und lullt sie mit dem Glauben an die Liebe ein. Eines der Mädchen, Donna, beschreibt Russel mit diesen Worten:

He’s not like anyone else. No bullshit. It’s like a natural high, being around him. Like the sun or something.

Mit der Zeit verfällt Evie immer tiefer in den Bann der Gruppe und fühlt sich dort wohl. Aber als Russel seinen lang ersehnten Plattenvertrag nicht bekommt, läuft plötzlich nichts mehr so, wie es soll; bis sich Evie schlussendlich im Auto auf dem Weg zu einer schrecklichen Tat befindet. Doch selbst in dieser Situation sieht sie nicht, was wirklich passiert und hat nur Augen für Suzanne:

And there I was among them. Russel had changed, things had soured, but I was with Suzanne. Her presence corralled any stray worries.

„The Summer of 69“  – historisches Foreshadowing

Emma Clines Roman weist eindeutige Parallelen auf zu einem Kult, der im Kalifornien der 60er-Jahre tatsächlich existierte: die „Manson Family“ um Charles Manson. Wie die „Girls“ in Clines Roman lebten auch sie auf einer abgelegenen Farm im Hippie-Stil.

Am 9. August 1969 ermordete eine Gruppe seiner Anhängerinnen fünf Menschen (The Guardian). Eine von ihnen war die Schauspielerin Sharon Tate, die mitsamt ihrem ungeborenen Kind brutal umgebracht wurde.

Mit diesen Fakten, aber auch mit diversen Aussagen der Erzählerin selbst, schweben die ominösen Morde beim Lesen von The Girls von Anfang an mit. Evie erwähnt „jene Nacht“ immer und immer wieder …

I had imagined that night so often. […] And though the details had receded over the years, grown their second and third skins, when I heard the lock jamming open near midnight, it was my first thought.

Emma Cline weiss, wie es geht

Auch wenn The Girls Emma Clines erster Roman ist, merkt man bereits auf den ersten paar Seiten, dass sie viel vom Schreiben versteht – vielleicht mehr, als manch andere, bekanntere Autor*innen.

Ihr Stil ist simpel und passt gut zu Evie mit ihrem unauffälligen Stil. Doch genau mit dieser Einfachheit vermag Cline immer wieder zu überraschen und bringt ihre Leser*innen zum Schmunzeln, wie in diesem Beispiel:

Connie decided she had a crush on Henry.

Auch schafft es Emma Cline mit ihrer Sprache, Mitgefühl für ihre Charaktere zu wecken – sogar für Suzanne, die am Ende zur grausamen Mörderin wird.

But Suzanne had nothing else: she had given her life completely over to Russell, and by then it was like a thing he could hold in his hands, turning it over and over, testing its weight.

Dies ist einer der wenigen Momente im Roman, in denen man Suzanne ein bisschen näher kommt. Dadurch, dass wir sie durch Evies Augen kennenlernen, können wir uns als Leser*innen kein wirklich objektives Bild von ihr machen. Evie verteidigt sie in ihren Gedanken nahezu immer und wird so zu einer unzuverlässigen Erzählerin. Doch genau das macht sie gleichzeitig zu einer sehr liebenswürdigen und authentischen Erzählerin, die ich beim Lesen von „The Girls“ lieben gelernt habe und so schnell nicht vergessen werde.


The Girls kaufen

The Girls ist 2016 bei Random House in New York erschienen. Die deutsche Übersetzung erschien im gleichen Jahr im Carl Hanser Verlag München.

Erscheinungsdatum: 25.7.2016, 347 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 31.90

 


Weekly Newsletter

Unser Newsletter erscheint einmal wöchentlich und informiert dich über alle neuen Beiträge auf The Zurich Review. Abonniere ihn jetzt, um nie mehr etwas zu verpassen!



Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Aktuelle Rezensionen

brooklyn

Rezension: Brooklyn

Eines haben Eilis Lacey und ich gemeinsam: Wir beide haben uns verliebt: ich
Nach oben