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brooklyn

Rezension: Brooklyn

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Eines haben Eilis Lacey und ich gemeinsam: Wir beide haben uns verliebt: ich mich in den irischen Autor Colm Tóibín und sie sich in den italienischen Klempner Tony. Eilis (sprich: Ejlisch) ist die Protagonistin von Colm Tóibíns Roman Brooklyn, daher der Zusammenhang …

Trotz der Liebesgeschichte zwischen Eilis und Tony ist Brooklyn weit mehr als ein Liebesroman. Es ist eine Geschichte über Heimat, Mut und Angst, über Familie und ja, auch ein bisschen über die Liebe. Brooklyn wirft Fragen auf, mit denen sich wohl jeder Mensch das ein oder andere Mal beschäftigt: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und wie will ich leben?

The American Dream – or Nightmare

Die junge Eilis wächst mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Rose in Enniscorthy auf, einer kleinen Stadt im Südwesten Irlands. Ihre drei Brüder sind alle wegen der Arbeit nach England gezogen. Eilis und ihre Mutter leben von dem Geld, das Rose in ihrem Bürojob verdient; Eilis sucht schon lange vergebens nach einer guten Arbeit.

Eilis und ihre Familie leben ein einfaches, ruhiges Leben im Irland der 50er-Jahre, bis Rose Father Flood kennenlernt, einen Priester, der aus Amerika zu Besuch ist. Er bietet an, Eilis eine Stelle in Brooklyn, New York, zu vermitteln. Eilis ist davon zunächst gar nicht begeistert:

Until now, Eilis had always presumed that she would live in the town all her life, as her mother had done, knowing everyone, having the same friends and neighbours, the same routines in the same streets. (1)

Brooklyn

Obwohl Eilis eigentlich gar nicht nach Amerika will (im Gegensatz zu den Protagonist*innen vieler anderer Auswanderer-Romane), nimmt sie ihren Mut zusammen und bricht auf in Richtung Brooklyn, wo Father Flood eine Unterkunft und eine Stelle in einem Warenhaus für sie organisiert hat. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist die junge Irin weit weg von ihrem Zuhause. Wenig überraschend fühlt sie sich in der fremden Stadt unwohl und als sie die ersten Briefe von ihrer Familie erhält, überkommt sie das Heimweh.

Doch Eilis kann nicht zurück. Sie weiss, dass ihre Schwester Rose ihr eigenes Leben geopfert hat, damit Eilis nach Brooklyn gehen konnte. Rose wird ihretwegen niemals heiraten können. Sie wird für immer bei ihrer Mutter bleiben und für sie sorgen müssen, während Eilis die Möglichkeit hat, in Amerika reich zu werden. Das war es, was Eilis über Amerika gehört hatte:

While the boys and girls from the town who had gone to England did ordinary work for ordinary money, people who went to America could become rich. (2)

Was Eilis jedoch in Brooklyn vorfindet, ist alles andere als der „American Dream“. Sie ist allein und hat das Gefühl, nirgends dazuzugehören – bis sie Tony kennenlernt, einen jungen Mann aus Brooklyn mit italienischen Wurzeln. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden nimmt ihren Lauf, bei der Arbeit schliesst Eilis Freundschaften und ihre ‚Landlady‘ offeriert ihr ein schöneres Zimmer. Langsam beginnt Eilis, sich wohlzufühlen in Brooklyn.

Aber kaum hat sich Eilis richtig eingelebt, ruft sie ein Schickschalsschlag zurück in die irische Provinz. Plötzlich fühlt sie sich in ihrer eigenen Heimat fremd, doch als sie sich auch dort wieder einlebt, findet sich Eilis schlussendlich zwischen zwei Welten und steht vor der grossen Frage, wie und wo sie ihr Leben wirklich leben möchte.

Typisch Colm Tóibín

Wie auch Nora Webster ist Brooklyn ein sprachliches Meisterwerk. Colm Tóibín versteht es, mit wenigen und einfachen Wörtern sehr viel zu erreichen; er ist ein Meister des Mantras „Show, don’t tell“ (‚Zeige es, statt es zu sagen‘). So bietet er Einblick in die Gefühlswelt seiner Figuren, ohne die Gefühle als solche zu benennen.

Tóibín schreibt nicht, dass Eilis ihr Zuhause vermisst. Er schreibt nicht, dass sie sich alleine fühlt oder dass sie traurig ist. Was er schreibt ist Folgendes:

She was already crying as she went up the stairs. She knew that as long as the others were discussing their wardrobes in the kitchen below, she would be able to cry as loudly as she pleased without their hearing it. (3)

Die Tatsache, dass Eilis‘ Mitbewohnerinnen fröhlich am Tisch sitzen und die neusten Modetrends diskutieren, während Eilis weinend die Treppe hochsteigt, sagt alles. Auf einen Schlag ist klar, wie allein sie sich fühlen muss, ohne dass es explizit gesagt wird. Ein Bild, oder in diesem Fall eine Vorstellung, sagt mehr als tausend Worte.

Colm Tóibín ist bekannt für seine Portraits von Frauen, und dies nicht ohne Grund. Die Geschichte von Eilis Lacey ist eine grosse Inspiration, auch wenn sie in den 50er-Jahren spielt. Vielleicht ist sie heute sogar aktueller denn je …


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von Karin Taglang übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Romans.

  1. Bisher dachte Eilis immer, dass sie ihr ganzes Leben in diesem Städtchen verbringen würde, wie es bereits ihre Mutter getan hat. Sie würde jeden kennen, die gleichen Freunde und Nachbarn haben und immer den gleichen Ablauf auf der gleichen Strasse erleben.
  2. Die Jungen und Mädchen aus dem Städtchen, die nach England gingen, machten dort alltägliche Arbeit zu alltäglichen Löhnen. Doch wer nach Amerika ging, der konnte reich werden.
  3. Sie hatte schon angefangen zu weinen, als sie die Treppe hinaufging. Solange die anderen noch in der Küche sassen und über ihre Kleider diskutierten, wusste Eilis, dass sie so laut weinen konnte, wie sie wollte, ohne dass sie jemand hören würde. (3)

Brooklyn kaufen

Die deutsche Ausgabe von Brooklyn ist 2010 im Hanser Verlag erschienen.

Erscheinungsdatum: 17.8.2010, 302 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 31.90

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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