Das Lesen ist schön

Caitlin Moran

Rezension: How to Build a Girl

in Rezensionen von

In How to Build a Girl geht es um zwei Dinge: Sex und gesellschaftliche Schichten. Das sagt die Autorin Caitlin Moran in einem Interview für BBCNewsnight selbst über ihr Werk (siehe Video). Die Geschichte der jungen Johanna Morrigan aus der britischen Industriestadt Wolverhampton ist völlig überzeichnet, aber einfach irgendwie *geil*.

Moran kennt keine Tabus; sie schreibt, was sie schreiben will, und genauso ist auch ihre Protagonistin: Johanna tut, was sie tun will und wird zu der Person, die sie werden will, und das ist Dolly Wilde.

Denn sie, Johanna Morrigan, ist – wie sie selbst sagt – fett, arm und „nicht schön“. Also entscheidet sie sich mit 14 Jahren, Johanna Morrigan loszuwerden und stattdessen Dolly Wilde zu erschaffen.

I am a very pale, round-faced girl with a monobrow, and eyes that are too small, and lank hair the color of dead mice, and I am not beautiful at all. (1)

Wer bin ich – und wer will ich sein?

An der Oberfläche ist How to Build a Girl die Geschichte eines einsamen, uncoolen Teenage-Mädchens, das sich selbst neu erfindet, auf der Suche nach der Person, die sie sein will. Johanna glaubt, diese Person in Dolly Wilde gefunden zu haben. Sie geht nach London, um Musik-Journalistin zu werden, und erlebt zuerst einmal einen heftigen Kulturschock.

Ihre Kolleg*innen bei ihrem Arbeitgeber „Disc & Music Echo“ führen in den Pausen lautstarke Gespräche über ihren letzten One-Night-Stand, trinken und feiern, was das Zeug hält. Das ist für Johanna anfangs Überforderung pur. Sie weiss nicht, wie sie sich solchen Leuten gegenüber verhalten soll. Also beobachtet sie fleissig und setzt jeden noch so kleinen Hinweis sofort in die Tat um.

I have never been in a building with people who go to restaurants, and have sex. I have never been to a place, or done a thing. It is intoxicating. Things get done here. (2)

Als Dolly ist Johannas primäres Ziel, endlich Sex zu haben. Ihren ersten Kuss hat sie mit Rich, der ihr sagt, sie sei „Trouble“ (Ärger/Stress). Das macht sich Johanna fortan zum Motto. Sie will Ärger stiften, will zu Reden geben. Sie setzt ihre Mission, möglichst bald möglichst viel Sex zu haben, fort und wird, wie sie es selbst nennt, zum „Lady Sex Adventurer“. Von da an ist Johanna aka Dolly nicht mehr zu halten …

Sie schläft mit jedem, der ihr gerade über den Weg lauft, und das ist einer der vielen Tabubrüche, die Caitlin Moran in How to Build a Girl einbaut. Normalerweise gelten Frauen, die viel Sex haben, als „Schlampen“, bei jungen Männern jedoch gilt es als cool. Johannas Sex-Geschichten finden ihren Höhepunkt bei „Big Cock Al“.

In dieser Szene kommt Morans ausgesprochener Sinn für Humor zur Geltung: Der Penis von Al ist so gross, dass Johanna sich davor fürchtet. Sie glaubt, er würde sie erdrücken, wenn sie ihn in sich hineinlassen würde. Natürlich passiert es trotzdem, und dabei weckt Moran eine unvergleichbar lustige, visuelle Vorstellung in ihren Leser*innen, indem sie Johanna einige Tipps für die „Handhabung“ grosser Penisse geben lässt:

In doggy, you can subtly but essentially keep crawling away from the penis – making it impossible to get more than the first five inches inside. During our ten-minute session, I manage to make a whole circuit of the bed on all fours as Al ardently pursues me, kneeling. (3)

„Roh und ehrlich“

Diese Szene zeigt, nebst Morans Humor, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt: Sie schämt sich nicht, Johanna solche sexuell expliziten Beschreibungen in den Mund zu legen, und dafür liebe ich How to Build a Girl. Das Buch ist so unglaublich roh und ehrlich. Im Vergleich zu klassischen Coming-of-Age-Geschichten sind Johannas Erfahrungen nicht romantisch, und auch nicht besonders schön, sondern dreckig, lustig, unschön und schmerzhaft – ehrlich, eben.

Am Ende überdenkt Johanna das Mädchen, das sie erschaffen hat, und erstellt eine Liste, welche von Dollys Eigenschaften sie beibehalten möchte. Auf dieser Basis baut sie weiter. Menschen werden zu diesem, dann zu jenem. Das ist ein endloser Prozess.

Sich „ein Mädchen zu bauen“ – diese Mission kann und soll niemals enden. Johanna ist gleichzeitig bedauerns- und bewundernswert. Sie macht so unglaublich viele Fehler, aber sie folgt ihren Wünschen und gibt die Suche nach dem, was sie sein will, niemals auf.


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von Karin Taglang übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Romans.

  1. Ich bin ein sehr blasses Mädchen mit rundem Gesicht, einer Monobraue und zu kleinen Augen. Mein Haar ist strähnig und hat die gleiche Farbe wie tote Mäuse, und ich bin überhaupt nicht schön.
  2. Ich war noch nie im selben Gebäude mit Leuten, die Restaurants besuchen und Sex haben. Ich war noch nirgendwo und habe noch nichts gemacht. Es ist faszinierend. Hier passieren Dinge!
  3. Beim Doggy-Style kannst du dem Penis ganz unauffällig davonkriechen – so vermeidest du, dass mehr als die ersten paar Zentimeter in dich eindringen. Während den zehn Minuten mit Al habe ich praktisch einen ganzen Kreis auf dem Bett gemacht, und Al verfolgte mich, kriechend, wie ein Wilder.

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How to Build a Girl Cover

How to Build a Girl ist 2014 bei Harper Collins erschienen (nur auf Englisch).

Erscheinungsdatum: 23.9.2014, 352 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 30.90

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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