Das Lesen ist schön

the bronx graffiti

Ich bin rassistisch, und du auch

in Essays von

„A young brown babe from the Bronx“, das ist Juliet Palante. Die Protagonistin von Gabby Riveras Young-Adult-Roman Juliet Takes a Breath gehört zu gleich drei benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft: Sie ist dunkelhäutig („braun“, wie sie es selbst beschreibt), eine Frau und erst noch lesbisch.

„Ach“, denkst du dir jetzt vielleicht, „die Frauen sind doch mittlerweile fast gleichberechtigt …“ Ich gebe zu: Heute sind wir der Gleichstellung vielleicht so nah wie noch nie, aber das betrifft weisse Frauen. Für schwarze Frauen ist es nochmal eine ganz andere Geschichte.

„Okay, aber dunkelhäutige Menschen sind den hellhäutigen in der Gesellschaft gleichgestellt“, magst du jetzt sagen. Nach acht Jahren Obama könnte man das vielleicht meinen, aber Obama ist ein Mann, und heterosexuell. Sicher merkst du langsam, worauf ich hinauswill …

***Terminologische Anmerkung***

In diesem Essay verwende ich für Menschen mit dunkler Hautfarbe bewusst die Begriffe „schwarz“ und „braun“, und zwar um zu betonen, dass die weisse Vorherrschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Tatsache ist. Andere Begriffe wie „Afroamerikaner/-europäer“ verschleiern meiner Meinung nach diese traurige Wahrheit.

One Size Fits All – oder eben nicht

Juliet Palante verbringt ihren Sommer als Praktikantin bei Harlowe Brisbane, einer feministischen Autorin. Juliet hat ihr Buch Raging Flower gelesen und betrachtet es zunächst als eine Art Bibel des Feminismus. Sie ist fasziniert von Harlowe, der Vorzeigefeministin, und ihren Ansichten.

Auf den ersten Blick haben Juliet und Harlowe einiges gemeinsam. Sie sind beide Frauen und beide lieben Frauen. Doch ein Unterschied ist nicht zu übersehen: Harlowe ist weiss. Und während Juliet durch Harlowe erkennt, dass sie ihre eigene Stimme erheben muss, habe ich durch sie erkannt, dass ich rassistisch bin – genau wie Harlowe selbst.

Harlowe Brisbane sei sich den Privilegien bewusst, die sie durch ihre Weissheit hat, sagt sie. Sie sei nicht rassistisch, sagt sie. Und genau mit diesen Aussagen unterstützt sie die weisse Vorherrschaft, die sie eigentlich bekämpfen will. Jennifer Petzen (2) beschreibt das Problem so: „Die Vorherrschaft einer Rasse wird genau von den Leuten zu wenig angegriffen, die behaupten, sich für ihre Zerschlagung einzusetzen.“

Aber schlussendlich ist Harlowe nicht das Problem. Das Problem ist der kollektive, institutionalisierte Rassismus unserer Gesellschaft. Um ihn zu bekämpfen, brauchen schwarze, lesbische Frauen Repräsentation. Wir brauchen mehr Juliet Palantes.

Harlowes Statements bewirken das Gegenteil

Harlowe Brisbane unterstützt die weisse Vorherrschaft, indem sie immer und immer wieder betont, genau dies nicht zu tun. Harlowe hat eine schwarze Partnerin, schwarze Freunde und eine braune Praktikantin. Also kann sie doch gar nicht rassistisch sein, oder? Doch, ist sie. Harlowe Brisbanes Rassismus wird sichtbar, als sie bei einer öffentlichen Lesung Juliet als Beweis benutzt, dass ihr Buch auch Frauen anspricht, die nicht weiss sind:

Ich kenne jemanden, der hier und jetzt mit uns in diesem Raum ist. Sie ist der lebende Beweis: Sie ist im Ghetto aufgewachsen, inmitten von Schiessereien und Drogensüchtigen; sie ist eine lesbische Latina, die ihr Leben lang gekämpft hat, um aus der Bronx hinauszukommen und eine Ausbildung zu erhalten. Sie ist in Armut aufgewachsen, ohne Privilegien, und – vor allem nach ihrem Coming-Out – ohne Unterstützung ihrer Familie. Diese Person ist heute hier: Es ist Juliet Milagros Palante. (1)

Mit dieser Aussage über Juliet beweist Harlowe gar nichts – ausser ihrem eigenen Rassismus. Sie wirft alle schwarzen und braunen Menschen in einen Topf, macht stereotypische Annahmen über Juliets Kindheit und reimt sich Dinge zusammen, die Juliet ihr nie erzählt hat. Und als Juliet sie einige Zeit später darauf anspricht, macht es Harlowe nur noch schlimmer:

Juliet, ich bin ein verdammtes, rassistisches Arschloch und jeder weisse Mensch in diesem Land, der dir etwas anderes sagt, ist ein Lügner. (1)

Hiermit gibt uns Harlowe Brisbane ein perfektes Beispiel einer „kritischen Positionierung“, wie Sarah Ahmed (3) es nennt: Harlowe macht deutlich, dass sie sich für ihren Rassismus schämt. Indem sie dies tut, „beweist“ sie, dass sie nicht rassistisch ist. „Aber“, so Ahmed, „die weisse Person, die sich für ihre Weissheit [oder ihren Rassismus] schämt, ist eine Person, die stolz ist auf  ihre Scham.“

Kurz gesagt: Wenn wir zugeben, dass wir schlecht sind, dann zeigen wir, dass wir gut sind. Doch das allein reicht nicht aus. Um wirklich einen Beitrag zur Zerschlagung der weissen Vorherrschaft zu leisten, müssen solchen Worten Taten folgen. Weisse Menschen wie Harlowe Brisbane müssen gegen diejenigen Machtstrukturen kämpfen, denen sie ihre eigenen Privilegien zu verdanken haben.

Rassismus ist ein Problem aller, nicht der*des Einzelnen

Auch wenn jede*r einzelne selbst dafür verantwortlich ist, sich nicht nur gegen Rassismus zu positionieren, sondern aktiv mitzuhelfen, die weisse Vorherrschaft zu zerschlagen, ist das wahre Problem nicht der Rassismus der*des Einzelnen, sondern der kollektive, institutionalisierte Rassismus in unserer Gesellschaft. „Die Ansicht, dass Rassismus ein strukturelles Problem in der Gesellschaft ist, kritisiert die Meinung, dass Rassismus psychologisch ist, oder dass Rassist*innen einfach einzelne, schlechte Menschen sind“, schreibt Ahmed (3) dazu.

Rassismus liegt in der Macht des Kollektivs und wir Weissen machen unsere Weissheit gerne unsichtbar. Indem wir so tun, als wäre sie völlig irrelevant, versuchen wir zu zeigen, dass wir nicht rassistisch sind. Nur, wie Sarah Ahmed treffend sagt (3), können nur diejenigen ihre Weissheit übersehen, die deren Privilegien selbst geniessen.

Insofern ist es wichtig, dass Weisse ihre Privilegien erkennen und sich eingestehen, dass sie privilegiert sind. Denn so zu tun, als wäre die Hautfarbe nur ein optisches Detail, das keinerlei Einfluss auf unsere Chancen und Möglichkeiten im Leben hat, verstärkt den kollektiven Rassismus nur weiter. Denn damit verneinen wir, dass Weisse nach wie vor enorm privilegiert sind.

Und wie weiter?

Nach all den Wenn und Abers fragst du dich vielleicht, wie es nun weitergehen soll. Was müssten Harlowe Brisbane, du oder ich anders machen, um unsere schwarzen Schwestern im Kampf gegen Rassismus und die weisse Vorherrschaft wirklich zu unterstützen?

Jennifer Petzen (2) hat eine Antwort: „Queere Politik, die sich die soziale Gerechtigkeit zum Ziel gemacht hat, muss Rassismus mit politischen Taten bekämpfen, statt sich den Anti-Rassismus nur auf die Fahne zu schreiben.“

Der Rassismus ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass er teilweise, zumindest von weissen Menschen, überhaupt nicht als solcher wahrgenommen wird. Es ist deshalb klar, dass auch eine klare Antirassistin wie Harlowe Brisbane hin und wieder in den Rassismus verfällt.

Es bringt aber nichts, sich über solche „Rückfälle“ Vorwürfe zu machen. Stattdessen sollten wir uns alle darauf konzentrieren, gute Unterstützer*innen unserer dunkelhäutigen Mitmenschen zu werden. Wer hilft mit?


Nachweise:

Bild:

Literatur (eigene Übersetzungen):

  1. Rivera, Gabby. 2016. Juliet Takes a Breath. Riverdale Avenue Books, Riverdale.
  2. Petzen, Jennifer. 2012. „Queer Trouble: Centring Race in Queer and Feminist Politics“. In: Journal of Intercultural Studies 33.3, 289-302. <http://dx.doi.org/10.1080/07256868.2012.673472>.
  3. Ahmed, Sarah. 2004. „The Non-Performativity of Anti-Racism. Presented at CentreLGS Colloquium Text and Terrain: Legal Studies in Gender and Sexuality, University of Kent. <https://www.kent.ac.uk/clgs/documents/pdfs/Ahmed_sarah_clgscolloq25-09-04.pdf>.

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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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