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The Virgin Suicides Rezension, Die Selbstmord-Schwestern

Rezension: The Virgin Suicides

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On the morning the last Lisbon daughter took her turn at suicide – it was Mary this time, and sleeping pills, like Therese – the two paramedics arrived at the house knowing exactly where the knife drawer was, and the gas oven, and the beam in the basement from which it was possible to tie a rope. (1)

So lautet der erste Satz von Jeffrey Eugenides‘ erstem Roman, The Virgin Suicides. Wie diese Worte bereits verraten, lebt der Roman vor allem von einem: von Foreshadowing. Auf der allerersten Seite erfahren wir, dass sich alle Töchter der Familie Lisbon umbringen werden. Ganz unwillkürlich werden sich die meisten Leser*innen dabei ertappen, wie sie während des ganzen Buches auf das Unvermeidbare warten.

Der Amerikaner Jeffrey Eugenides schrieb The Virgin Suicides im Jahr 1993. Seither hat er zwei weitere Romane geschrieben, The Marriage Plot und Middlesex. Sein erster Roman gilt als moderner Klassiker und wurde in 35 Sprachen übersetzt.

Zum Inhalt

In The Virgin Suicides geht es nicht darum, dass sich die Mädchen umbringen, sondern weshalb. Und genau das versuchen die Erzähler, eine nicht identifizierte Gruppe von jungen Männern aus der Nachbarschaft, herauszufinden. Die Erzählung findet einige Jahre nach den Suiziden statt. Die Männern haben das Leben und Leiden der Lisbon-Schwestern akribisch aufgezeichnet. Sie haben Beweisstücke gesammelt und durchnummeriert, Interviews geführt und selbst jahrelang beobachtet – und so versuchen sie nun, das Rätsel um die Suizide zu lösen.

Auch wenn der Titel das Gegenteil vermuten lässt, sind die wahren Protagonisten die Männer, nicht die Lisbon-Mädchen. Die Geschichte wird aus ihrer Perspektive erzählt. Die jungen Männer aus der Nachbarschaft bewundern die Mädchen aus der Ferne; sie sind ihre Objekte der Begierde. Doch die Jungs können nicht an die Mädchen herankommen, weil deren Eltern sie streng überwachen und ihnen keinerlei Freiheiten lassen.

Nach dem Tod der ersten Schwester zieht sich die Familie Lisbon noch weiter zurück, sogar so weit, dass sie die Mädchen aus der Schule nehmen. Von da an werden sie kaum mehr draussen gesichtet, und die Männer versuchen, auf irgendeine Weise Kontakt mit ihnen aufzunehmen. In der Zwischenzeit halten sie sich an jeder noch so kleinen Erinnerung fest, um das Wesen der Mädchen – die sie meist als ein Kollektiv sehen und nicht als Individuuen – zu ergründen, bis sie schliesslich alle fort sind.

Aufbau und Stil

Wie bereits erwähnt, ist Foreshadowing ein wesentliches Merkmal von The Virgin Suicides. Jeffrey Eugenides schafft es, einem den Ausgang der Geschichte von Anfang an aufzutischen und dennoch so zu schreiben, dass man unbedingt weiterlesen will. Man will wissen, wie und warum es zu den schrecklichen Suiziden kam. Dabei wird man in die Perspektive der jungen Männer gezogen, auch wenn man das vielleicht gar nicht will.

Am Ende musste ich mir eingestehen, dass ich – genau wie die Jungs – die Lisbon-Mädchen überhaupt nicht kannte. Cecilia, die erste der Schwestern, die sich umbringt, sagt nach ihrem ersten, fehlgeschlagenen Suizidversuch zum Arzt:

Obviously Doctor, you’ve never been a  thirteen-year-old girl. (2)

Und genau das ist der Punkt: Die jungen Männer sehen die Mädchen als arme, unglückliche Wesen, ja Objekte, ohne zu wissen, was wirklich in ihnen vorgeht. Mit ihren „Ermittlungen“ hoffen sie auf einen Hinweis darauf, dass die Lisbon-Mädchen sie genauso geliebt hatten wie umgekehrt. Doch ihre Hoffnungen werden enttäuscht …

Man könnte meinen, dass ein Buch mit einem solchen Titel traurig und melancholisch sei. Aber Jeffrey Eugenides bringt mit seinem ausgezeichneten Schreibstil auch eine Prise makaberen Humor hinein, zum Beispiel mit dem Streik der Friedhofsarbeiter*innen, die dummerweise genau in dem Jahr streiken, indem die Lisbon-Mädchen sich alle umbringen:

Mr. and Mrs. Lisbon, only in their forties, with a crop of young daughters, had given little thought to the strike, until those same daughters began killing themselves. (3)

Und was soll man davon halten?

The Virgin Suicides erzählt eine wahrlich zwiespältige Geschichte, die vielleicht ein bisschen Geschmackssache ist. Mir persönlich hat Jeffrey Eugenides‘ Schreibstil sehr gut gefallen. Er weiss, wie er seine Leser*innen dazu bringen kann, immer weiter und weiter zu lesen, obwohl in grossen Teilen des Buches eigentlich überhaupt nichts passiert und man den Ausgang schon kennt.

Die Sichtweise der jungen Männer ist besonders interessant. Gemeinsam haben sie sich in die Sache hineingesteigert und vergöttern sie diese fünf Mädchen, die sie eigentlich gar nicht kennen. Ich sehe darin eine Art Parodie, denn mit seiner humorvollen und sarkastischen Schreibweise macht sich der Autor genau darüber lustig: über die Hoffnungslosigkeit des Versuches, die Mädchen aus der Ferne zu verstehen und zu kennen.


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von mir selbst übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Romans.

  1. An dem Morgen, an dem sich die letzte der Lisbon-Töchter umbrachte, – diesmal war es Mary, mit Schlaftabletten, genau wie Therese – kamen die Sanitäter ins Hause und wussten genau, was wo war: die Messerschublade, der Gasofen und der Balken im Keller, an dem man ein Seil befestigten konnte.
  2. Wie es aussieht, Doktor, waren Sie noch nie ein 13-jähriges Mädchen.
  3. Mr. und Mrs. Lisbon, in ihren Vierzigern und mit einem ganzen Haufen junger Töchter, hatte sich nie gross für den Streik interessiert, bis eben diese Töchter begannen, sich selbst umzubringen.

Die Selbstmord-Schwestern The Virgin Suicides Rezension

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Die deutsche Ausgabe von The Virgin Suicides ist 2005 unter dem Titel Die Selbstmord-Schwestern im Rowohlt Verlag erschienen.

Erscheinungsdatum: 01.07.2005, 250 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 12.90

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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