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Rezension: None of the Above

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Kristin Lattimer ist eine ganz normale Highschool-Schülerin: Sie ist 18 Jahre alt, hat einen Freund, ist sportlich aktiv und gerne mit ihren Freundinnen unterwegs. Das klingt erst einmal langweilig, bis Kristin – genannt Krissy – bei ihrem ersten Mal so starke Schmerzen hat, dass sie zum Frauenarzt geht. Dort kommt heraus: Kristin ist intersexuell.

Was das heisst? Krissy selbst versteht von ihrer Diagnose erstmal nicht viel. Ihre erste Vorstellung davon ist:

I was a car that came off the assembly line all messed up. I was a lemon. (1)

Offiziell bedeutet „intersexuell“, dass eine Person biologisch nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann, sie befindet sich „zwischen“ (‚inter‘) den Geschlechtern. Bei der Multiple-Choice-Frage „Geschlecht“ wäre Krissy also nicht männlich und auch nicht weiblich, sondern „None of the Above“.

So lautet auch der Titel von I. W. Gregorios Debüt. Der Young-Adult-Roman None of the Above ist 2015 bei Balzer + Bray (Harper Collins) erschienen und erzählt die Geschichte von Kristin Lattimer. Die Autorin lebt in Pennsylvania, USA und ist Chirurgin. Der Roman hat daher einen fundierten medizinischen Hintergrund.

Coming-of-Age mal anders

None of the Above ist keine alltägliche Coming-of-Age-Geschichte; schliesslich ist Intersexualität auch kein alltägliches Thema. Deshalb herrscht viel Unwissenheit und niemand weiss so recht, was Intersexualität überhaupt ist. So geht es auch Krissy. In ihrer Verzweiflung erzählt sie ihren zwei besten Freundinnen davon und, wie es in High Schools halt so ist, weiss innert kürzester Zeit die ganze Schule davon.

Für Krissy heisst das, dass sie nicht nur selbst mit ihrer Diagnose klarkommen muss, sondern sie muss auch mit den heftigen Reaktionen aus ihrem Umfeld umzugehen lernen. Sie wird zum Opfer von offenen Anfeindungen, Cyber-Mobbing und erlebt sogar ein Hate Crime. Einige nennen sie „Hermaphrodit“; ihr eigener Freund beschimpft sie als „tranny faggot“.

Viele Leute in ihrem Umfeld stellen sich unter „intersexuell“ einen Körper mit Brüsten und einem Penis vor. Dabei äussert sich die Intersexualität bei Krissy ganz anders: Ihre exakte Diagnose lautet Androgeninsensitivität.

Menschen mit diesem Syndrom haben XY-Chromosome, was eigentlich typisch für Männer ist. Deshalb entwickeln sie als Fötus normale Hoden, die Androgene ausschütten. Doch der Körper kann diese aufgrund der Insensitivität nicht verarbeiten, weshalb sich der Rest, bzw. das Äussere des Körpers, weiblich entwickelt. Krissy hat also äusserlich einen komplett weiblichen Körper (abgesehen von einer verkürzten Vagina), innerlich hat sie jedoch Hoden anstatt einer Gebärmutter.

Das Problem ist die Unwissenheit

I hate it that people don’t understand what intersex is. That they think that I’m some sort of transsexual. (2)

Hinter Homophobie und Rassismus steckt bei den meisten Menschen die Angst vor dem Unbekannten. Intersexualität ist ein Thema, über das die wenigsten von uns informiert sind, und deshalb ist das Stigma so gross. Mit None of the Above hat I. W. Gregorio einen enorm wichtigen Beitrag zur Beseitigung dieses Stigmas geleistet.

Dank ihrer Tätigkeit als Chirurgin kann die Autorin die medizinischen Hintergründe von Intersexualität, Androgeninsensitivität im Speziellen, korrekt und detailliert wiedergeben – und zwar so, dass man es auch als Laie versteht. Je mehr man über intersexuelle Menschen hört und liest, desto kleiner wird das Stigma. Denn wer weiss, worum es geht, kann einem intersexuellen Menschen Verständnis und Liebe statt Hass entgegenbringen.

Darüber hinaus wirft None of the Above noch tiefere gesellschaftliche Fragen auf. Intersexualität fordert die klassische Vorstellung von „männlich“ und „weiblich“ heraus. Ist Krissy weniger Frau als ihre Freundinnen Vee und Faith? Und was heisst das überhaupt – eine Frau zu sein?

Weil die Thematik in diesem Buch von so grosser Bedeutung ist, habe ich None of the Above mit vier von fünf Sternen bewertet. Die Handlung ist an einzelnen Stellen vielleicht nicht besonders gut ausgearbeitet, doch Gregorios direkter und ungeschmückter Stil hat mir gefallen. Schliesslich ist der Roman aus der Ich-Perspektive von Krissy geschrieben, und alles andere hätte nicht zu ihr gepasst.

Alles in allem ist None of the Above ein wichtiges und spannendes Jugendbuch, von dem auch Erwachsene noch viel lernen können.


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von mir selbst übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Romans.

  1. Ich bin ein Auto, das in der falschen Reihenfolge zusammengesetzt wurde. Ich bin eine Zitrone.
  2. Ich hasse es, dass die Leute nicht verstehen, was Intersexualität ist; dass sie denken, ich sei irgendwie transsexuell.

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None of the Above CoverNone of the Above ist 2015 bei Balzer + Bray (Harper Collins) erschienen.

Erscheinungsdatum: 07.04.2015, 352 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 13.90

 

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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