Rezension: The Girl on the Train

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Ich pendle jeden Morgen mit dem Zug von Zürich nach Bern. Diese Zeit verbringe ich am liebsten mit einem guten Buch. Als ich kürzlich The Girl on the Train von Paula Hawkins ausgepackt habe, schmunzelte der Mann gegenüber. „Dieses Buch muss man ja fast im Zug lesen“, meinte er. In diesem Moment wurde mir bewusst: Die Protagonistin Rachel – das Mädchen im Zug – und ich haben einiges gemeinsam.

Zumindest sitzen wir beide fast jeden Tag im gleichen Zug, auf dem gleichen Platz. Während ich jedoch immerzu in ein Buch starre, blickt Rachel aus dem Fenster und beobachtet die Leute, die in Gleisnähe wohnen. Am liebsten schaut sie bei Jess und Jason (in Wirklichkeit heissen sie Megan und Scott) auf die Terrasse, denn in Rachels Augen sind die beiden das perfekte Paar. Rachel selbst hatte nicht so viel Glück im Leben: Sie ist geschieden und seither tief in den Alkoholismus abgerutscht.

Rachel, die unzuverlässige Erzählerin

An einem Morgen wie jedem anderen sieht Rachel etwas Ungewöhnliches auf der Terrasse von Megan und Scott. Kurz darauf verschwindet Megan spurlos. Zunächst fällt der Verdacht auf ihren Ehemann, doch Rachel ist sich sicher, dass er ihr nichts angetan hat. Schliesslich ist Scott doch der perfekte Mann. Aber wer glaubt schon einer verwahrlosten, geschiedenen Alkoholikerin? Die Polizei jedenfalls nicht, und ich als Leserin irgendwie auch nicht.

Doch Rachel gibt nicht auf. Sie weiss, dass sie selbst in jener Nacht, als Megan verschwand, in der Nähe ihres Hauses war. Dumm nur, dass sie ein Blackout hat – sie hat wiedermal zu viel getrunken. Das Einzige, woran sie sich erinnert, ist diese kurze Episode:

I could see myself a few metres in, slumped against the wall, my head in my hands, and both head and hands smeared with blood. (1)

Doch nach und nach kehrt die Erinnerung zurück, bis ihr schliesslich klar wird, wer für Megans Verschwinden verantwortlich ist …

Drei Frauen, drei Perspektiven

Die Geschichte um Megans Verschwinden wird aus der Perspektive dreier Frauen erzählt: Rachel, the girl on the train, Megan, die verschwunden ist, und Anna, die neue Frau von Rachels Ex-Mann Tom, die nur ein paar Häuser von Megan und Scott entfernt wohnt.

Keine der drei Frauen ist besonders sympathisch, sie alle sind egoistisch und auf verschiedene Arten unfreundlich. Rachel ist zude  Alkoholikerin und wäre wohl schon längst auf der Strasse gelandet, wenn sie ihre Freundin Cathy nicht bei sich aufgenommen hätte.

Die Perspektiven von Rachel und Megan sind nötig, um die Geschichte zu erzählen. Jene von Anna hingegen hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Sie trägt nicht viel zur Geschichte bei, ausser, dass sie uns Einblick bietet in Rachels früheres Leben mit ihrem damaligen Ehemann Tom.

Der grösste Teil der Geschichte wird jedoch von Rachel erzählt, was mir persönlich auch ganz recht ist. Rachel hat zwar viele Fehler und sicher schon einiges falsch gemacht im Leben, doch die Sache mit Megan scheint sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Sie meint es gut und will nur helfen – auch wenn sie manchmal eher das Gegenteil tut.

Ein Psycho-Thriller mit Herz

Paula Hawkins bedient sich in The Girl on the Train einer einfachen Sprache, die angenehm zu lesen ist und gut zu den Erzählerinnen passt. Die Geschichte reisst einen mit, hinein in die verdrehte Welt von Rachel, und die Handlung geht schnell voran, wie es sich für einen guten Thriller gehört.

Dennoch ist The Girl on the Train mehr als ein Thriller, denn Hawkins begibt sich tief in die Gefühlswelt ihrer drei Erzählerinnen. Eine schöne Abwechslung in der Thriller-Welt, finde ich.


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von mir selbst übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Buches.

  1. Ich hatte mich selbst vor Augen: ein paar Meter weiter vorne, zusammengesackt gegen die Wand gelehnt, den Kopf in meinen Händen. Mein Kopf und meine Hände waren blutverschmiert.

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The Girl on the Train CoverDie deutsche Version von The Girl on the Train ist 2015 bei Blanvalet erschienen.

Erscheinungsdatum: 15.06.2015

Seitenzahl: 448

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 14.90

 

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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