Das Lesen ist schön

Rezension: The Price of Salt oder Carol

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Wir schreiben das Jahr 1952, als ein Roman mit dem Titel The Price of Salt von Claire Morgan veröffentlicht wird. Doch Claire Morgan ist ein Pseudonym, in Wahrheit steckt eine bekannte Autorin hinter dem Werk: Patricia Highsmith.

Aber Highsmith bekannte sich erst in den letzten Jahren ihres Lebens zu diesem Roman, der später unter dem Titel Carol und mit Highsmiths richtigem Namen erneut veröffentlicht wurde. Wahrscheinlich hätte The Price of Salt damals ihre Karriere ruiniert …

Eine verbotene Liebe

Denn Carol handelt von zwei Frauen, die sich ineinander verlieben. Undenkbar im New York der 1950-er Jahre. Carol und Therese lernen sich in einem Warenhaus kennen, in dem die 19-jährige Therese einen schlecht bezahlten Job angenommen hat. Carol, eine wohlhabende, schon etwas ältere und – wohlgemerkt – verheiratete Frau, sucht in dem Laden nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter Rindy.

Der Roman wird aus Thereses Perspektive erzählt. Nach gerade mal zwei Treffen mit Carol weiss Therese: Sie liebt diese Frau. Oder so ähnlich:

It would be almost like love, what she felt for Carol, except that Carol was a woman. (1)

Carol selbst hat schon ihre Erfahrungen gemacht mit anderen Frauen. Im Moment steckt sie jedoch gerade in einem dramatischen Scheidungsverfahren; ihr Mann und sie streiten um das Sorgerecht für Rindy.

In dieser schwierigen Zeit entscheiden sie und Therese, für ein paar Wochen zusammen zu verreisen, damit Carol den Kopf freibekommt. Und Therese hat sowieso nichts, was sie in New York hält. Sie hasst ihren Job und ihren Freund Richard liebt sie auch nicht.

Doch alles, was Carol sagt und tut, kann gegen sie verwendet werden. Ihre „Verhältnisse“ zu anderen Frauen machen sie in den Augen ihres Ehemanns Harge zu einer unzumutbaren Mutter für die gemeinsame Tochter. So findet sich Carol am Ende vor einer unmöglichen Entscheidung … In einem Brief an Therese schreibt sie folgende Worte:

A kiss, for instance, is not to be minimized, or its value judged by anyone else. I wonder do these men grade their pleasure in terms of whether their actions produce a child or not, and do they consider them more pleasant if they do. (2)

Provokativ, revolutionär, kritisch

In der 2015 von Bloomsbury publizierten Ausgabe von Carol wurde ein Vorwort der lesbischen Krimi-Autorin Val McDermid abgedruckt. Darin lobt sie Carol als ein revolutionäres Werk:

The real significance of Carol is that it was the first serious work of literature with lesbian protagonists that didn’t end with suicide, despair or a cure thanks to the love of a good man. (3)

Auch wenn das Ende des Romans ein offenes ist, so lässt es doch zumindest die Hoffnung auf ein Happy End für Therese und Carol zu, auch wenn beide dafür Opfer bringen müssen.

In der heteronormativen Gesellschaft von 1952 war das noch fast undenkbar. Wer sich nicht ins klassische Muster von Mann und Frau zwängen lassen wollte, galt als abartig, unzurechenbar und als unfähig, ein Kind zu erziehen.

Die traurige Realität

Patricia Highsmiths Roman ist absolut realistisch, vor allem in der Zeit, in der er geschrieben wurde. Auch heute noch werden Menschen diskriminiert, weil sie nicht „den richtigen“ Menschen oder „das richtige Geschlecht“ lieben. Carol entscheidet sich am Ende – Achtung Spoiler! – für die Liebe. Das mag revolutionär sein, doch gleichzeitig bestärkt es wohl auch einige Leser*innen in ihrem Denken, dass Carol eine verantwortungslose, egoistische Rabenmutter ist.

Ja, Carol wählt die Liebe, aber das heisst nicht, dass das gleichzeitig eine Entscheidung gegen ihre Tochter Rindy ist. Diese Entscheidung hat ihr nämlich ihr Ehemann beziehungsweise das Gericht abgenommen. Carol müsste also einen integralen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen, um für ihre Tochter sorgen zu dürfen. Ich wage zu bezweifeln, dass eine unglückliche Mutter für Rindy eine besonders gute Mutter gewesen wäre.

Schlussendlich ist Carol ein trauriges, aber wichtiges Buch. In den 1950-er Jahren war es bahnbrechend und hat den Weg geöffnet für zahlreiche Werke lesbischer Literatur, die heute geradezu floriert. Und auch wenn sowohl Carol als auch Therese egoistisch sein mögen, so ist Carol doch ein sehr lesenswertes Buch. Es erzählt die wunderschöne Geschichte von zwei Menschen, die sich lieben.

Carol ist 2015 auch als Film erschienen. Die Hauptrollen sind mit Cate Blanchett und Rooney Mara hochkarätig besetzt. Wie das Buch kann ich auch den Film wärmstens empfehlen!

Cate Blanchett über ihre Rolle


Übersetzungen

Die Zitate wurden für diesen Artikel von mir selbst übersetzt, es handelt sich daher nicht um die offizielle Übersetzung des Romans.

  1. Was sie für Carol empfand, war fast wie Liebe, ausser dass Carol eine Frau war.
  2. Ein Kuss, zum Beispiel, darf nicht unterschätzt werden, und niemand anderes sollte seinen Wert bewerten. Ich frage mich: Bewerten diese Männer ihren Genuss damit, ob aus ihrem Handeln ein Kind entstehend wird oder nicht, und empfinden sie einen grösseren Genuss, wenn es dies tut?
  3. Die wahre Relevanz von Carol ist, dass es das erste ernsthafte literarische Werk mit lesbischen Hauptfiguren war, das nicht mit Suizid, Verzweiflung oder „Heilung“ durch die Liebe eines guten Mannes endete.

Carol kaufen

Carol von Patricia HighsmithDie deutsche Ausgabe von Carol oder The Price of Salt ist 1990 unter dem Titel Salz und sein Preis im Diogenes Verlag erschienen.

Erscheinungsdatum: 1990, 459 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 31.90

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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