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Rezension: Every Heart a Doorway

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Eleanor Wests Heim für Kinder, die einen Teil ihres Lebens in einer anderen Welt verbracht haben – das ist der Schauplatz der Novelle Every Heart a Doorway (‚Jedes Herz ist eine Tür‘) von der Amerikanerin Seanan McGuire, die der erste Teil der Wayward-Children-Trilogie darstellt. Als Fan von Fantasiewelten wie Narnia oder Alices Wunderland klang dieser Schauplatz für mich interessant genug, um zu diesem Buch zu greifen. Auch der Klappentext klang vielversprechend:

Children have always disappeared under the right conditions – slipping through the shadows under a bed or at the back of a wardrobe, tumbling down rabbit holes and into old wells and emerging somewhere … else.

Every Heart a Doorway ist die Geschichte von Nancy und einigen anderen Kindern, die in verschiedenen Welten gelebt haben und dann unfreiwillig zurück in unsere Welt gekommen sind. Alle von ihnen waren in einer anderen Welt, und zwar in jener, die für sie genau die richtige war. Die Protagonistin Nancy zum Beispiel war in den Hallen der Toten, wo Stille alles ist, was zählt. Andere Kinder waren in farbenfrohen Welten oder in einem Land voller Süssigkeiten.

Eleanor West, die Leiterin des Kinderheims, war selbst mehrere Male in einer anderen Welt gewesen und weiss, wie schwierig es ist, sich nach der Rückkehr in unserer Welt wieder zurechtzufinden. Also hat sie das Heim eröffnet, um anderen Kindern zu helfen, hier wieder Fuss zu fassen. Kurz nach Nancys Ankunft gibt es im Heim gleich mehrere Morde, und ein Grossteil der Geschichte wird somit zum klassischen „Whodunit“ – die Kinder versuchen, den oder die Mörder*in zu überführen. Doch eigentlich wollen sie alle einfach nur zurück in ihre Welten …

Ein Hoch auf die Diversität

Um meine Meinung vorwegzunehmen: Mir hat Every Heart a Doorway nicht wirklich gefallen. Trotzdem möchte ich einige positive Punkte nennen, bevor ich zur Kritik komme: In Sachen Diversität und Repräsentation ist Seanan McGuires Novelle ein absolutes Paradebeispiel. Auf nicht einmal 170 Seiten hat es die Autorin geschafft, eine asexuelle Protagonistin (Nancy) und einen transsexuellen Charakter (Kade) glaubhaft einzubauen.

Gerade weil in einem so kurzen Buch wenig Zeit für die Entwicklung der Charaktere bleibt, waren die nicht-heteronormative Sexualitäten von Nancy und Kade etwas völlig Selbstverständliches. Es nicht als zentrales Element behandelt. Vielmehr hat die Autorin von Nancys A- und von Kades Transsexualität erzählt, als wäre es einfach ein Merkmal der entsprechenden Figur, genauso wie eine Brille oder eine krumme Nase das Merkmal einer anderen Figur sein könnte.

Solche Repräsentationen braucht es mehr in der Literatur, aber auch in anderen Medien. Bisher werden nicht-heteronormative Menschen immer noch häufig entweder komplett vergessen oder als „Anders“ dargestellt. Aber Seanan McGuire zeigt: Nancy und Kade sind Menschen wie du und ich, und ihre Sexualität bzw. ihre Geschlechtsidentität sollte keinen Einfluss darauf haben, wie sie dargestellt werden oder was wir als Leser*innen von ihnen halten.

Keine Zeit für Charakter-Entwicklung

In Bezug auf die Diversität war die fehlende Charakter-Entwicklung ein Vorteil. Dennoch ist genau dies auch mein grösster Kritikpunkt an Every Heart a Doorway. Da die Novelle weniger als 200 Seiten und trotzdem eine relativ grosse Zahl an Figuren hat, war eine anständige Entwicklung dieser Figuren praktisch unmöglich. Es war schwierig, sich auf diesen wenigen Seiten wirklich auf die Figuren einzulassen.

Auch eine vertieftere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Welten fehlte fast komplett. Einige wenige der Kinder, zum Beispiel Nancy, erzählten ein wenig über die Welten, in denen sie waren. Doch waren all dies jeweils Informationen aus zweiter Hand, sprich als Leser*in erhält man keinen direkten Einblick. Einige der Welten klangen sehr interessant – schade, dass es meist nur bei einem Namen blieb!

Andererseits ist Every Heart a Doorway ja bloss der erste Band der dreiteiligen Wayward-Children-Serie. Es ist also möglich, dass man sich mit dem zweiten und dritten Band besser mit den Figuren identifizieren kann. Ich werde also auf jeden Fall weiterlesen, auch wenn dieser erste Teil eher eine Enttäuschung war.


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Every Heart a Doorway Cover
Every Heart a Doorway ist 2016 von Tom Doherty Associates veröffentlicht worden. Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.

Erscheinungsdatum: 5.4.2016, 176 Seiten

Bei Orell Füssli kaufen: Fr. 27.90

 


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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

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