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Cavaliersreise Piratenschiff

Rezension: Cavaliersreise – Bekenntnisse eines Gentlemans

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Eine abenteuerliche Reise durch das Europa des 17. Jahrhunderts, mit Piraten, Räubern und bösen Baronen – not my cup of tea, würde ich zu einer solchen Geschichte normalerweise sagen. Doch die überaus positive Kritik, die Mackenzi Lees Jugendroman Cavaliersreise von allen Seiten her bekommt, hat mich neugierig gemacht.

Und ich wurde nicht enttäuscht! Ja, Cavaliersreise ist ein historischer Abenteuerroman, aber es ist auch ein wahres Meisterwerk der Repräsentation und nicht zuletzt ein höchst unterhaltsames Buch.

Ein Abenteuer der anderen Art

Cavaliersreise erzählt die Geschichte des adeligen Junggesellen Henry Montague, genannt Monty, seinem besten Freund Percy und seiner Schwester Felicity. Wir lernen Monty als selbstverliebten, ungehorsamen Kindskopf kennen, der aus der angesehenen Schule Eton geworfen wurde. Als letzte Chance schickt ihn sein Vater für ein Jahr auf eine Kulturreise durch Europa. Nach seiner Rückkehr soll Monty das ehrwürdige Anwesen des Vaters übernehmen.

Monty freut sich auf ein Jahr ohne seinen Vater, und insbesondere auf ein Jahr mit Percy, für den er heimlich Gefühle hat. Er hat überhaupt nicht im Sinn, die Reise zum Erwachsenwerden zu nutzen. Monty hat wie üblich nur Unsinn im Kopf: Sex, Drugs and Rock’n’Roll, sozusagen. So beginnt die Reise auch, doch schon bald geht so einiges schief …

Achtung, Piraten!

Die drei werden von Räubern überfallen, werden in ein dunkles Geheimnis verwickelt und geraten in die Hände von Piraten. Die Probleme, denen sie sich gemeinsam stellen müssen, verändern die Dynamik zwischen Monty und Percy, aber auch zwischen Monty und Felicity, für die er bisher wenig übrig hatte. Langsam merkt Monty, dass sein Verhalten nicht okay ist und er so nicht weitermachen kann.

Auch wenn Monty am Anfang ziemlich unsympathisch ist, so ist er doch ein guter Erzähler. Er erzählt mit Humor und, im Verlauf der Geschichte, mit zunehmender Tiefgründigkeit und Selbstreflexion. Die Geschichte ist kurzweilig und unterhaltsam, und als ob das noch nicht reichen würde, auch noch ein wahres Meisterwerk, wenn es um die (positive) Repräsentation von Minderheiten geht.

Ein Meisterwerk der Repräsentation

Die junge Autorin Mackenzi Lee (eigentlich heisst sie Mackenzie Van Engelenhoven) hat sich mehr überlegt als nur eine spannende Geschichte. Ihre Figuren sind einzigartig, divers und frei von Klischees.

Percy

Percy ist ein besonders vielseitiger Charakter: Er ist dunkelhäutig, was im 17. Jahrhundert in England und ganz Europa für frei geborene Menschen äusserst selten war. So bringt Percys Hautfarbe die drei Freunde immer wieder in Schwierigkeiten. Ihnen werden Übernachtungsplätze verweigert, oder Percy wird für den Diener der weissen Geschwister gehalten. Ausserdem leidet Percy an Epilepsie und soll deswegen am Ende der Reise in ein „Heim“ für psychisch Kranke abgeschoben werden. Epilepsie war im 17. Jahrhundert noch sehr wenig erforscht und viele Menschen hielten es für eine Art Dämonen-Besessenheit.

Percys Sexualität wird nicht genau benannt, sicher ist jedoch, dass er sich (unter anderem) zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen fühlt.

Felicity

Hier kommt Felicity ins Spiel: Montys Schwester ist intelligent und interessiert sich sehr für Medizin. Jahrelang las sie heimlich Bücher über Humanmedizin und versteckte diese hinter den Einbänden von Liebesromanen, denn für eine Dame war es damals unschicklich, sich für solche Dinge zu interessieren, geschweige denn ein Studium zu absolvieren. Doch Felicity weiss, dass Epilepsie nichts mit Dämonen zu tun hat und kämpft so um die Akzeptanz von Percy und seiner Krankheit.

Felicity ist möglicherweise asexuell, auch wenn dies nicht explizit erwähnt wird. An verschiedenen Stellen sagt sie jedoch, dass ihr Dinge wie Küssen nicht gefallen und sie kein Bedürfnis nach sexuellen Handlungen hat.

Monty

Auch im Bereich der Sexualität ist Mackenzi Lees Repräsentation breit abgestützt und authentisch:  Monty ist offen bisexuell, beziehungsweise so offen, wie es im 17. Jahrhundert eben möglich war. Ausserdem ist Montys Geschichte gezeichnet von häuslicher Gewalt, was bis heute ein Tabu-Thema ist und deshalb in der Literatur unbedingt angesprochen werden muss.

Dieser diverse Mix der Charaktere macht Cavaliersreise zu einem beispielhaften Werk, was die Repräsentation von nicht-heteronormativen Sexualitäten, nicht-weissen Menschen und (psychischen) Krankheiten angeht. Gerade in Jugendbüchern ist es enorm wichtig, dass die Charaktere vielseitig gestaltet sind, sodass sich Leser*innen besser mit ihnen identifizieren können. In diesem Sinne: Bravo, Mackenzi Lee!


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Cavaliersreise Cover

Cavaliersreise – Bekenntnisse eines Gentlemans ist unter dem englischen Originaltitel The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue 2017 bei Harper Collins erschienen. Die deutsche Übersetzung folgte 2017 im Carlsen Verlag.

Erscheinungsdatum: 27.6.2017, 528 Seiten

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Ich bin die Gründerin von The Zurich Review. Im Anglistik-Studium habe ich Literatur gehasst; meine Leidenschaft dafür habe ich erst nach all der Pflichtlektüre wiederentdeckt. Wenn ich nicht lese, dann tanze ich, und zwar Irish Dance.

3 Comments

    • Das freut mich 🙂 Ich fand’s wirklich sehr unterhaltsam, es lohnt sich auf jeden Fall! Falls du auch auf Englisch liest, könnte ich es dir auch ausleihen …

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